Schneekanonen Neuer Streit - GZ vom 08.02.2008
Geschrieben von admin am 25. August 2008 20:22:07
GZ vom 08.02.2008 - Bericht von Oliver Stade
Schneekanonen Neuer Streit
Kurz bevor aus dem Nationalpark eine Entscheidung über den Einsatz von Schneekanonen im Biathlon-Leistungszentrum Sonnenberg erwartet wird, ist ein neuer Streit entfacht. Die Grünen werfen der Landesregierung einen skandalösen Umgang mit Fördermitteln vor. Wie berichtet, hatte das Land das Fördergeld bereits vor dem Abschluss der naturschutzrechtlichen Prüfung bereitgestellt. Befürworter und Gegner streiten weiter um den Einsatz von Beschneiungsanlagen, zumal vor dem Hintergrund des Klimawandels.

Grüne kritisieren „brachiale Praktiken"

Wie er es auch macht, er kann es nur falsch machen. Wenn Nationalparkchef Andreas Pusch dem Niedersächsischen Skiverband (NSV) in etwa zwei Wochen eine Ausnahmegenehmigung für die drei beantragten Schneekanonen ausstellt, ist das Schutzgebiet aus Sicht von Umweltschützern mit einem unübersehbaren Makel behaftet. Es wäre der erste deutsche Nationalpark, in dem umstrittene Beschneiungsanlagen Kunstschnee produzieren, ein Negativ-Alleinstellungsmerkmal.
Aber kann Pusch überhaupt noch anders, als den Umwelt-Sündenfall zu riskieren? Wie die GZ berichtete, hat das Innenministerium dem Landessportbund bereits 718 000 Euro Fördergeld bewilligt. Und auch die N-Bank, organisatorisch beim Wirtschaftsministerium angesiedelt, stellte 768 000 Euro bereit.
Deutlicher geht es kaum: Das Land Niedersachsen, neben dem Land Sachsen-Anhalt einer der Dienstherrn von Pusch, befürwortet den Einsatz der Schneekanonen im Nationalpark Harz.

„Skandalöser Umgang"

Diese unverblümte Vorfestlegung hat die Grünen aufgebracht. Sie werfen der Regierung einen „skandalösen Umgang mit Fördermitteln" vor. Wirtschaftsminister Walter Hirche mache sich der Rechtsbeugung und des Mittelmissbrauchs schuldig. Enno Hagenah, wirtschaftspolitischer Sprecher, kündigt eine Anfrage zur Förderpraxis des Ministers an.
Hagenah spricht von „brachialen Praktiken", die der FDP-Mann verfolge. Der Grüne holt zu einer Generalkritik aus: „Wenn Minister Hirche Fördermittel für Projekte auszahlt, die noch nicht einmal abschließend geprüft, geschweige denn genehmigt sind, dann wirtschaftet er Niedersachsen endgültig zur Bananenrepublik herunter."
Vieles deutet darauf hin, dass Pusch die 1,5 Millionen Euro teure Beschneiungsanlage genehmigen wird, auch weil es Ausgleichsmaßnahmen geben wird. Dabei heißt es, er stehe dem Vorhaben im Grunde eher skeptisch gegenüber.
Nach Mobbing-Vorwürfen und Borkenkäfer-Streit könnten die Schneekanonen im fusionierten Nationalpark einen neuen Ost-West-Streit aufbrechen lassen. Aus Sachsen-Anhalt hieß es lange Zeit, der Naturschutzgedanke habe im früheren Nationalpark Hochharz mehr Gewicht gehabt als im niedersächsischen Schutzgebiet. Der Kunstschnee wäre Wasser auf die Mühlen solcher Kritiker.
Die Planungen für die Anlage ziehen sich bereits mehrere Jahre hin. Auf Sonnenberg soll eine rund zwei Kilometer lange Loipe beschneit werden. Bauarbeiten wären erforderlich: Wasserentnahmestelle, Trafostation, Pumpenschacht, Hochdruckleitung, Betonschächte und Wetterstation entstünden. Einige der Bauten lägen im Schutzgebiet.

Öffentliches Interesse?

Ende Oktober, kurz bevor die Anhörung der Umweltverbände im Genehmigungsverfahren auslief, war noch einmal Kritik aufgebrandet. Der BUND-Landesverband hatte unter anderem erklärt, dem Vorhaben fehle ein überwiegend öffentliches Interesse. Der NSV argumentiert, nicht nur der Leistungssport, auch der Tourismus werde gestützt.
Nun liegt die Entscheidung bei Parkleiter Pusch. Viele Beobachter sehen seinen Spielraum auf ein Mindestmaß geschmolzen. Und aus dem Nationalpark heißt es, er befinde sich in einer klassischen Zwickmühle.



PRO
Intensiv geprüft
„Für die Tourismusregion Harz ist der Wintersport eines der wenigen Alleinstellungsmerkmale gegenüber anderen norddeutschen Mittelgebirgen. Beschneiungsanlagen sind ein Instrument aus einer Palette von Möglichkei
ten. Eine ideologisch-emotional geprägte Ablehnung ist nicht sachgerecht. Beschneiungsanlagen sind kein Allheilmittel gegen die Auswirkungen des Klimawandels. Vielmehr ist ihr Einsatz für jeden Standort sachorientiert und individuell zu prüfen. Dieses ist im Fall Sonnenberg intensiv geschehen, so gibt es eine Reihe von Ausgleichsmaßnahmen."

Lars Michel, Umweltreferent Nds. Skiverband.

CONTRA
Zerstörte Natur
„Das Vorhaben würde das schon existierende Wettkampf gelände beträchtlich erweitern und den Naturraum erheblich belasten.
Das Getöse der Schneekanonen soll auf die Nächte beschränkt sein. Die Pisten würden aber bis 20 Uhr ausgeleuchtet. Abgesehen davon, ob angesichts der Klimaentwicklung der Bau einer kostspieligen, Energie und Wasser verschwendenden Anlage noch sinnvoll ist, muss auch gefragt werden, ob es in einem Gebiet mit höchstem Schutzstatus vertretbar ist, den Naturraum weiträumig zu stören und zu zerstören."

Prof. Dr. Gerhard Hartmann, AG Goslarer Umweltverbände




Schneekanonen sind umstritten, werden im Oberharz aber in mehreren Orten eingesetzt. Foto: Bertram