Vorderen auf den Hintern gucken - GZ vom 20.02.2009
Geschrieben von admin am 21. February 2009 13:01:00
GZ vom 20.02.2009 - Text und Fotos: Andre Bertram

Die zwölfjährige Anna Marie Riefling mit einem berühmten Gewehr: Es gehörte früher Weltcup-Starter und EM-Teilnehmer Daniel Böhm vom SC Buntenbock.

Vorderen auf den Hintern gucken

Beim Sonnenberg-Training macht sich der Oberharzer Biathleten-Nachwuchs auf die Spur von Arnd Peiffer


Die Schule ist aus, die Schneebedingungen auf dem Sonnenberg sind super. Schnell die Sportsachen gepackt: Rein in den Laufanzug, Wärmejacke und Wärmehose drüber, Mütze auf. In einer Hand die Skatingski und Stöcke, in der anderen die Tasche mit dem Luftgewehr, geht es weiter zum Biathlontraining.
Es ist Montag, kurz vor 15 Uhr. Eltern bringen ihre Kinder zum Haus der Sportjugend Niedersachsen mit Ski-Internat in Clausthal-Zellerfeld. Im fliegenden Wechsel steigen die jungen Leistungssportler in zwei bereitstehende Kleinbusse. NSV, Niedersächsischer Skiverband, klebt am Fenster. Dessen Trainer Rico Uhlig und Andreas Burgdorf nehmen ihre Schützlinge mit spaßigen Bemerkungen in Empfang und verstauen die Ausrüstung. Die Motoren werden gestartet Ein Navigatoren werden gestartet, hin Navigationsgerät ist überflüssig, die Fahrzeuge kennen jeden Meter der Strecke zum Sonnenberg. In Clausthal-Zellerfeld zeigt das Thermometer minus drei Grad Celsius an, mit zunehmender Höhe in Richtung Stieglitzeck fällt die Temperatur ab. Verschneite Fichten ziehen vorbei, die gespurten Loipen auf dem Sonnenberg erscheinen rechts der Straße, das Ziel ist erreicht. Dicht an dicht reihen sich bereits Pkw auf dem Parkplatz, die Suche nach einem freien Platz beginnt.
Bevor die Verbandstrainingsgruppe - an diesem Tag 3 Biathletinnen und 15 Biathleten der Altersklassen 12, 13 und 15 - die letzten Schritte zum Landesleistungszentrum Sonnenberg zurücklegt, reihen sich die Schüler vor der geöffneten Heckklappe eines NSV-Gefährts auf. Zunächst müssen die Luftgewehre mit Druckluft befüllt werden. Burgdorf übernimmt die Aufgabe und schraubt danach die gefüllten Kartuschen in die Waffen. Die Sportgeräte sind nicht billig. „Das ist eine Investition von 2000 Euro pro Waffe", erklärt der Trainer und schulpädagogische Koordinator für das Ski-Internat. Die Luftgewehre im Schülerbereich würden vom NSV und vom WSV Clausthal-Zellerfeld gestellt. Anna Marie Riefling (12) reicht ihm ein orangefarbenes Gewehr. „Das ist eine berühmte Waffe, die gehörte Daniel Böhm", erklärt Burgdorf. Ein spezielles Diopter der auffälligen Waffe, die Rieflings von Böhms kauften, stamme vom Weltklassebiathleten Frank Luck. Berühmt sind auch die Autogramme auf Anna Maries hellblauer Trainingsjacke, die zuvor ihre große Schwester trug. Olympiasiegerin und Weltmeisterin Uschi Disl findet sich neben weiteren Größen des Biathlons. Franziska, die große Schwester und direktes Vorbild, schaffte es bereits in die Bundes-Talent-Auswahl Langlauf/ Biathlon, wie ein Aufnäher mit dem silbernen Geparden des Deutschen Skiverbands zeigt. „Diese Auszeichnung des DSV gibt es leider nicht mehr", erklärt Burgdorf.
Am Schießstand des Leistungszentrums geht es gleich in die Aufwärmrunde. Zurück im Stadion gibt Uhlig das Trainingsprogramm des Tages bekannt. Komplextraining ist angesagt. Dahinter verbergen sich Laufen und Schießen im Wechsel, wie im Wettkampf. Vor dem Anschießen werden die Magazine aufmunitioniert. Unter dem Tisch mit den Bleigeschossen kreuzen sich die Spitzen der Skatingski. Auf dem Tisch werden die Diabolos in die Ladestreifen gedrückt. „Andy, Andy ", ist der Rat des Trainers oft gefragt. Dieser reicht den „Lademax", ein Hilfsgerät zum Hineinpressen der Munition. Zeit genug, die ambitionierten Biathleten nach ihren Zielen fragen. „Meine Ziele sind im Schülercup gut abzuschneiden und vielleicht mal im IBU-Cup oder Weltcup zu laufen", sagt Tobias Gärtner (11) aus Clausthal-Zellerfeld. Alles ist möglich, wie die aktuellen Beispiele Arnd Peiffer und Daniel Böhm zeigen. Der Weg dorthin ist nicht einfach, macht aber sichtlich Spaß. „Wir verstehen uns alle gut, sind eine super Trainingsgruppe und die Trainer sind eigentlich auch ganz nett und cool drauf", meint die forsche Athletin mit Uschi Disl auf der Jacke. Mona Brandt (11), ebenfalls aus Clausthal-Zellerfeld, trainiert in der Regel drei Mal die Woche, während die Großen fünf bis sechs Mal ran müssen. „Manchmal trainiere ich auch öfter", sagt Mona. Das Schwimmen im Verein habe sie aufgegeben. „Schule, Biathlon und Schwimmen wurden zeitlich zu viel, das hat mit den Hausaufgaben nicht mehr hingehauen".
Komm zügig jetzt", treibt Uhlig seine Athleten in die nächste bis 2,5 Kilometer lange Runde. Zuvor wurden Laufzeiten und Schießleistungen beim Zwischenstopp nach dem Schießen gemeinsam protokolliert und ausgewertet. „Kopf hoch", ruft der Trainer noch hinterher. Es gelte „dem Vorlaufenden auf den Hintern zu gucken, dann ist die Körperhaltung richtig". Fehlt dieser, sollte der Blick fünf Meter nach vorn auf den Boden gerichtet sein, ergänzt Burgdorf.
Langsam kriecht die feuchte Kälte hoch. Die Scheiben am Schießstand werden in der einbrechenden Dämmerung beleuchtet. „Zieht eure Jacke an, es ist kalt heute", sagt Trainer Uhlig zu seinen Sportlern. Vor den kommenden Wettkämpfen ist es wichtig, gesund zu bleiben. Bis zum 22. Februar steht das kleine Finale des deutschen Schülercups in Altenberg an.
Mona, was hast du denn geschossen?", fragen ihre Sportkameraden. „2,1", ruft diese munter zurück. Jede Schießeinlage wird von den Trainern durchs Schießglas verfolgt. „Kann es sein, dass du öfter mal den ersten Schuss wegballerst?", fragt Burgdorf einen Schützen und kennt bereits die Antwort. Ein Nicken und ein Lachen folgen. Locker geht es in die nächste Runde. Am Ende des Trainings steht noch Auslaufen an, bevor die Biathleten in die Fahrzeuge steigen und gegen 18 Uhr zurück in Clausthal-Zellerfeld sind. Tags darauf beginnt der gleiche Ablauf von vorn, nur steht diesmal reines Lauftraining auf dem Trainingsplan.



„Mal Weltcup laufen": Große Pläne hat der elfjährige Tobias Gärtner aus Clausthal-Zellerfeld.


Andreas Burgdorf befüllt die Luftgewehre mit Druckluft.


Die 12-bis 15-jährigen Mitglieder der Verbandstrainingsgruppe auf einen Blick.


Trainer Rico Uhlig kontrolliert die Schießscheiben.